Oct 3
Während sich die einen wünschen, Stacheldraht und Steine wieder
hochzuziehen, wollen die anderen belehren. In diesen Zeiten ist
es kaum möglich, von einer "Deutschen Einheit" zu
sprechen. Gerade im Westen sitzen die Besserwisser, möchten dem
Osten klarmachen, dass er politisch aufs falsche Gleis gel...Read more
Während sich die einen wünschen, Stacheldraht und Steine wieder
hochzuziehen, wollen die anderen belehren. In diesen Zeiten ist
es kaum möglich, von einer "Deutschen Einheit" zu
sprechen. Gerade im Westen sitzen die Besserwisser, möchten dem
Osten klarmachen, dass er politisch aufs falsche Gleis gelangt
ist. Gesprächsfäden sind allerdings in vielen Fällen abgerissen.
Dort, wo einst geschossen und gestorben wurde, verläuft heute
ein gedankliches Konstrukt der Abgrenzung. Der "Cordon
sanitaire" ist das Symbol moralischer Hybris. Während
früher "niemand die Absicht hatte", geschieht die
Teilung jetzt bewusst, demonstrativ, ohne Unterlass. Ab August
1961 errichtete ein Regime den "antifaschistischen
Schutzwall". Seit Dezember 2021 baut die untergehende
Postmoderne ihr letztes Bollwerk. Denn natürlich geht es 81
Jahre nach dem Ende der "braunen" Diktatur nicht mehr
darum, dass an jeder zweiten Straßenkreuzung der wiedererwachte
Hitler um die Ecke schaut. Das Problem liegt bei denen, die
"circa 20 Prozent braunem Bodensatz in der
Bundesrepublik" ausmachen. Dort, wo sich
"Vulgärdemokraten" und "Ratten" treffen. Aus
"Wutbürgern" kurzerhand "Gesindel" wird.
Unter allen, die skandieren: "Wir lassen unser Land von
diesen Verfassungsfeinden nicht kaputtmachen". Willy
Brandts Worte von "Jetzt sind wir in einer Situation, in
der wieder zusammenwächst, was zusammengehört" können neue
Aktualität gewinnen. Doch nicht mehr so, wie sie am 10. November
1989 gemeint waren. Heute findet man weder lagerübergreifend
noch geografisch oder gesellschaftlich zueinander, sondern
innerhalb von "Blasen", von "richtig gegen
falsch", von "uns gegen sie". "Wir sind und
bleiben eine Nation", versprach Helmut Kohl. Blühend
scheinen 2026 allein die Mauerblümchen, das "Volk"
gilt als extremistischer Kampfbegriff. Was geblieben ist, die
"institutionalisierte Paranoia", das "alles
Wissenmüssen" eines "Zersetzungswerkzeugs". Die
Chimäre des "So hat es damals auch angefangen" paart
sich mit dem Geschichtsrevisionismus von "Jeder AfD-Wähler
ist ein Nazi", die Wahnidee des noch einmal erstarkenden
"Rassismus" von rechts übertönt den tatsächlich neu
aufkeimenden Antisemitismus von links. Einigkeit herrscht
allenfalls unter den "Guten", Recht wird vielerorts
zur Glückssache, Freiheit beginnt frühestens nach dem Ablegen
des morgendlichen Bademantels. Wo Strandkörbe das Markenzeichen
der Macht sind, wird Friedrich Merz zum Zarathustra unter der
Morgenröt(h)e, nicht nur in Rautenkranz. In Wahrheit ist Philipp
Amthor der Arthur Dent im Kanzleramt. Ob all diese Trennung
jemals überwunden werden kann? Die Frage scheint mittlerweile
eher, ob wir tatsächlich ein gemeinsames Ganzes wollen. Wer
möchte schon auf einer Ebene stehen mit denen, "die jedes
Leben schützen" (Berliner Spitzenkandidatin Elif Eralp),
aber gleichzeitig als "Stimmungsmache" abtun, wenn sie
auf "Clan-Verbindungen" oder
"Hamas-Unterstützung" in ihrer Partei aufmerksam
gemacht werden? Wer vermag ein Miteinander, in dem Horst
Seehofers Feststellung "Deutschland ist durch das
Christentum geprägt. Dazu gehören der freie Sonntag, kirchliche
Feiertage und Rituale wie Ostern, Pfingsten und
Weihnachten" Makulatur scheint? Brücken zu bauen, erweist
sich als hehres Ziel. Dürfte nicht eher der Vers aus dem
Lukasevangelium die Botschaft dieses 3. Oktobers sein: "Und
über das alles ist zwischen uns und euch eine große Kluft
befestiget, daß, die da wollten von hinnen hinabfahren zu euch,
könnten nicht und auch nicht von dannen zu uns
herüberfahren"? Ob nun als Eingeständnis oder
Befreiungsschlag, ob als Verbitterung oder Erkenntnis, ob als
Desillusionierung oder Tatsache, wir werden den Spagat erleben,
in all den hochtrabenden Reden, die von Zusammenhalt
philosophieren, aber Gift und Galle spucken. Es bleibt deshalb
nur, ihnen es nicht gleichzutun.