Nov 5
Eigentlich befand er sich zur Eröffnung des Hauptstadtbüros der
"Freien Wähler" in Berlin, hatte allerdings über
Unwohlsein geklagt, möglicherweise von einer Magen-Darm-Grippe
stammend, aber auch andere gesundheitliche Probleme sind nicht
ausgeschlossen. Als Hubert Aiwanger den Termin schließlich
ab...Read more
Eigentlich befand er sich zur Eröffnung des Hauptstadtbüros der
"Freien Wähler" in Berlin, hatte allerdings über
Unwohlsein geklagt, möglicherweise von einer Magen-Darm-Grippe
stammend, aber auch andere gesundheitliche Probleme sind nicht
ausgeschlossen. Als Hubert Aiwanger den Termin schließlich
absagte, danach für keinen mehr erreichbar war, hatten
Parteivertreter das Hotel "Neuer Fritz" im Bereich der
Friedrichstraße darum gebeten, das Zimmer zu öffnen. Dort wurde
der Wirtschaftsminister Bayerns leblos aufgefunden, unter
anderem die BILD-Zeitung hatte kurz hierauf den Tod des
55-Jährigen bekannt gemacht. Während einige Quellen von einer
natürlichen Ursache sprechen, fehlen offizielle Bestätigungen
noch. Eine Obduktion ist vorgesehen, weitere Untersuchungen
stehen aus. Markus Söder äußerte tiefe Betroffenheit und schrieb
von einer "absoluten Tragödie". Der am 26. Januar 1971
in Ergoldsbach geborene, später in Rahstorf bei Rottenburg an
der Laaber aufgewachsene Sohn eines Landwirts hatte 1990 das
Abitur abgelegt, Grundwehrdienst geleistet und das Studium an
der "FH Weihenstephan" mit dem Abschluss des
Diplom-Agraringenieurs 1995 beendet. Seit etwa 2001 engagierte
er sich politisch, stieg schnell zum Orts- und Kreisvorsitzenden
auf, stand ab 2006 dem Landesverband vor. Dem Parlament in
München gehörte er seit 2008 an, war bis 2018
Fraktionsvorsitzender. Sodann folgte der Eintritt in die
Koalition mit der CSU, er wurde zum Stellvertreter des
Ministerpräsidenten. Das größte Verdienst war die Überführung
der "Freien Wähler" von der Oppositions- in die
Regierungsrolle. Als direkt, streitlustig, bisweilen
populistisch und manchmal polarisierend beschrieben, galt
Aiwanger nicht als der typische "Profi" mit glattem
Stil, sondern als blumig und konfrontativ. Was insbesondere von
ihm bleiben wird, das ist der Mut zur Volksnähe. Über die
Grenzen seiner eigenen Partei hinweg gelangte er zu Zuspruch und
Ansehen, ließ sich in seinen grundständigen Überzeugungen nicht
beirren, redete kaum jemandem nach dem Mund. In der späteren
Zeit musste sich der Vater von zwei Söhnen dem Vorwurf
ausgesetzt sehen, er sei zum Umfaller geworden, ein politischer
Erfüllungsgehilfe der Christsozialen. Die ländliche Stimme aus
der Provinz ist nunmehr verstummt, es wird nicht nur an
Angriffen auf die "Grünen" fehlen, sondern auf Teile
der Energiewende und der Migrationsbefürworter insgesamt.
Hiervor hatte der Katholik nie zurückgeschreckt, machte
ökosozialistische Ideologien aus, etwa beim Heizungsgesetz.
Allerdings hat ihn das Kabinett geschliffen, er war in seinem
Amt längst nicht mehr derart markig und kantig, wie man es
gewohnt gewesen ist. Zunehmend pragmatisch unterwegs, handelte
sich der 55-Jährige die nicht von der Hand zu weisende
Unterstellung ein, er lasse zugunsten der Macht von seiner
Authentizität und Schärfe ab. Die größte Affäre, welche er zur
bewältigen hatte, drehte sich 2023 um ein Flugblatt in seiner
Schultasche von 1987, als "antisemitisches Pamphlet"
gewertet, über einen "fiktiven Bundeswettbewerb" zum
größten "Vaterlandsverräter" mit Preisen wie einem
"Freiflug durch den Schornstein in Auschwitz". Bruder
Helmut übernahm Verantwortung und Autorenschaft. Schon 2019 sah
er sich dem Mob der Gutmenschlichkeit ausgesetzt, ruderte
zurück, obwohl er mit seinen Einlassungen während der
Internationalen Jagd- und Schützentage nicht falsch lag.
"Bayern und Deutschland wären sicherer, wenn jeder
anständige Mann und jede anständige Frau ein Messer in der
Tasche haben dürften und wir die Schwerkriminellen
einsperren", so sagte es ein Abgeordneter, der schnell war
im Relativieren. Lediglich 2023 verteidigte er seinen Auftritt
auf einer Demonstration in Erding gegen das
Gebäudeenergiegesetz, sprach in Anwesenheit von Monika Gruber
davon, dass sich die "schweigende Mehrheit" endlich
"die Demokratie wieder zurückholen" müsse, "von
denen in Berlin". Anfangs skeptisch, was die
freiheitsentziehenden Maßnahmen während Corona betraf, nachher
sanftmütiger unterwegs. Ein prägendes und umstrittenes Gesicht
verlässt für immer die Bühne, die 6. Mordkommission des
Landeskriminalamtes und die Berliner Staatsanwaltschaft haben
ein Todesermittlungsverfahren eröffnet. Fremdverschulden müsse
ausgeschlossen werden, bisher gebe es hierfür allerdings keine
Anzeichen. Rote Linien wenigstens anzutasten, um die Debatte aus
einem Meinungskorridor herauszuholen, das lag einem Mann über
weite Strecken am Herzen, der nicht nur eine Lebensgefährtin
hinterlässt, sondern auch Spuren von Courage und Fußabdrücke der
Großmäuligkeit. Beides sollten wir öfter wagen, ohne später
einzuknicken. Viel zu festgefahren ein Boden der ideologischen
Sentimentalität, eingeebnet der Gang nach Canossa, wenn man die
Wahrheit anzudeuten gedenkt. Weniger Rücksicht auf Verluste, das
war Aiwangers Credo.