Oct 19
"Die Erfahrung ist eine strenge Lehrerin. Sie erteilt erst
die Prüfung und danach die Lektion", so soll es Inge Meysel
gesagt haben. Oder wie Dietrich Bonhoeffer formulierte:
"Klug ist, wer die Wirklichkeit sieht, wie sie ist, wer auf
den Grund der Dinge sieht". Wenn man also über viele Jahre
dem po...Read more
"Die Erfahrung ist eine strenge Lehrerin. Sie erteilt erst
die Prüfung und danach die Lektion", so soll es Inge Meysel
gesagt haben. Oder wie Dietrich Bonhoeffer formulierte:
"Klug ist, wer die Wirklichkeit sieht, wie sie ist, wer auf
den Grund der Dinge sieht". Wenn man also über viele Jahre
dem politisch linken Spektrum angehörte, um Einblick in die
dortigen Parteien zu gewinnen, dann verliert man gerade auch als
junger Mensch, dem bereits in der Schule das progressive Denken
schmackhaft gemacht wurde, den Glauben an jenes Gute, das die
sogenannte "neue Mitte" wie eine Monstranz vor sich
herträgt. Schließlich ist die Tyrannei des Gendersternchens noch
das kleinste Übel, die Aufgabe von Geschlechterdefinitionen die
mildeste Plage, der man begegnen kann. Skurril wird es bei aller
Widersprüchlichkeit vom Umweltgewinn eines 2000-Tonnen-Windrades
im Wald, von den Entsorgungsproblemen der Überreste eines
Seltenen-Erden-E-Autos. Über Klimaschwachsinn und
Queer-Feminismus könnte man schmunzeln. Doch bei immanentem
Antisemitismus, Kungelei mit dem kriminellen Milieu, der
Forderung nach einer Aussetzung von Abschiebungen, überbordender
Willkommenskultur für jeden Illegalen, der massenhaften
Enteignung von Produktionsmitteln, Grenzöffnung aus
antirassistischen Motiven, der uneingeschränkten Aufnahme um der
Menschenwürde willen, einer Kontrolle des Privateigentums und
der Betriebsabläufe, dem Ökosozialismus in Extra-Stark,
milliardenfacher Subventionierung Strom produzierender
Fernsehgeräte in Afrika und fröstelnder Solaranlagen mit
ertragloser Nord-Südost-Ausrichtung hört der Spaß auf. Ganz zu
schweigen von den Vorwürfen des Völkermords, der Apartheid, des
Siedlerkolonialismus gegenüber Netanjahu, ausgerechnet am
Jahrestag des Hamas-Überfalls. Oder des durchsichtigen
Vogel-Strauß-Versteckspiels, wenn Abgeordnete den altbekannten
Clanführer verleugnen. Wer die Radikalisierung im vergangenen
Jahrzehnt nicht mittrug, für uns oder gegen uns, ganz oder gar
nicht, der wurde ausgegrenzt, beleidigt und vertrieben. Die
Arbeitsgemeinschaften strecken ihre Fühler bis in die Peripherie
aus, der lange Arm der Lager reicht hinein in jeden
Kreisverband. Ein bisschen Stasi muss sein, der große Bruder von
Reichinnek hat dich längst im Blick. Krokodilstränen der
Bundesebene gibt es kaum, denn der Fundamentalismus ist
spätestens seit Pantisano kein Randphänomen mehr. Er steht in
der ersten Reihe, hält Elif Eralp den Rücken frei. Ferat Koçak
findet sein Gedächtnis wieder, kann sich auf den Wertekompass
von rund 20 Abgeordneten zurückziehen, die ihre
"Identität" keinesfalls preisgeben werden. Unterdessen
verzeichnet Vanessa Emde "Geländegewinne" gegenüber
der Staatsräson, will sich nicht zum Bekenntnis zwingen lassen,
dass Israel ein Recht auf Existenz hat. Mal werden die Gespräche
unterbrochen, dann wieder fortgeführt. Kaum ein Zweifel, dass
Rot-Grün-Rot kommt. Denn alle drei wollen an die Macht. Wen
juckt schon Judenhass, wenn der Kratzbaum der Erkenntnis für
Laizisten so unerreichbar scheint. Noch immer wirft man den
Sondierungspartnern Unterwerfung oder Verrat vor, die interne
Opposition gegen Kompromisse mag eine Bremse sein. Trotzdem
werden etwa 160.000 Wohnungen dem Bündnis zum Opfer fallen, das
dazu bereit ist, rund 891 Quadratkilometer zum "sicheren
Hafen" zu machen, an welchem jeder anlanden kann, der sich
in Not fühlt. Aufenthaltsrechte "voll ausschöpfen",
die Bezahlkarte für Flüchtlinge abschaffen. Aktives und passives
Wahlrecht für jedermann, "niemals" soll abgeschoben
werden. Eine City-ID wird den Zugang zu städtischen Leistungen
für alle Dahergelaufenen ermöglichen, dem Klima möchte man mit
Bäumen, Bänken und Brunnen helfen. Nur gut, dass Fontane nicht
mehr zusieht. "Vor Gott sind eigentlich alle Menschen
Berliner", dit war ma so!