Oct 15
Ibuprofen oder Voltaren, ist mir deine Gesinnung genehm.
Elisabeth Kutter hat traurige Beliebtheit erlangt. Die Inhaberin
der "Panda-Apotheke" an der Radrennbahn in Bielefeld
äußerte sich Mitte Oktober in einem Video hinter
Statement-Brille und unter Androgyn-Haarschnitt auf
"Facebook", forderte daz...Read more
Ibuprofen oder Voltaren, ist mir deine Gesinnung genehm.
Elisabeth Kutter hat traurige Beliebtheit erlangt. Die Inhaberin
der "Panda-Apotheke" an der Radrennbahn in Bielefeld
äußerte sich Mitte Oktober in einem Video hinter
Statement-Brille und unter Androgyn-Haarschnitt auf
"Facebook", forderte dazu auf, dass jeder ihr Geschäft
meiden solle, der mit der AfD sympathisiert. Kein Geld mit
diesen Personen zu verdienen, nichts mit ihnen zu tun haben zu
wollen, sei ihr Credo. Man möge bitte zur Konkurrenz gehen. Nach
massiver Kritik und vermeintlichen Drohungen wurde
zurückgerudert, "verhungern" lasse sie niemanden,
natürlich bekämen alle ihre Medikamente. Angesichts des Druck
einer erwartbaren Empörungswelle im Internet, aber auch im
Bewusstsein des Kontrahierungszwangs aus § 17 Abs. 4 der
Betriebsordnung, wonach gültige Verschreibungen in angemessener
Zeit beliefert werden müssen, relativierte Lidocain-Liz die
Worte. Ob ihr Diazepam zurück zur Vernunft verholfen hat,
darüber kann genauso spekuliert werden wie über die Debatte, was
aus einem möglichen Verstoß gegen das geltende Standesrecht
wird. Nach der aktuellen Fassung haben gemäß § 1 Abs. 3 für die
Region Westfalen-Lippe alle Pharmazeuten ihre Kunden
"insbesondere unabhängig von politischer Überzeugung"
in Würde zu achten. Man wird sich schwertun, gegen diese
Regelung keinen Affront zu erkennen, wo Beleidigungen wie
"Vollpfosten" im Raum stehen, aber auch die schlichte
Feststellung, mehr als 28.000 Wähler vor Ort seien "nicht
willkommen". Die Vermischung aus Heilberuf und
Meinungsmache könnte mit einem Disziplinarverfahren der Kammer
enden. Wo der einfache Pillendreher plötzlich zum
gesellschaftlichen Giftmischer wird, gerät der Auftrag zur
Verantwortung für die Gesundheit jedes Menschen ins
Hintertreffen. Der öffentliche Versorgungsauftrag und das
entgegengebrachte Vertrauen der Bevölkerung vertragen sich nicht
mit fehlender Neutralität und selektiver Fürsorge. Den
Regenbogen platzieren, sich zu Tode tolerieren, sein
Vielfaltsverständnis aber gleichzeitig um bis zu 30 Prozent
einzuschränken, das ist diese neue Form der Weltoffenheit,
welche im Widerspruch versinkt, sobald sie auf die Realität des
eigenen Handelns trifft. In einem essentiellen
Dienstleistungsbereich den ideologischen Pluralismus und das
verfassungsmäßige Gut der Gleichbehandlung zu untergraben,
schwächt nicht nur das normative Gerede über Demokratie, Respekt
und Akzeptanz. Die Spaltung inmitten der Allgemeinheit hat auch
historische Dimension. Denn die Erinnerung an Ausgrenzung wegen
Zugehörigkeit ist gegenwärtig. Wo Kamillentee verweigert wird,
mag man über kindlichen Trotz noch schmunzeln. Doch führt man
die Überlegung einer Gewürzkrämerin fort, fasst sie als mehr
denn die individuelle Kundgabe einer einzelnen Privatperson auf,
exemplarisch als Symptom und Logik, ist es nicht weit bis zum
Eignungstest. Zwischen Fieberzäpfchen und Schmerzmittel noch
kurz eine Loyalitätsprüfung, da kann kaum jemand die Erinnerung
unterdrücken an das "Juden unerwünscht" im
Schaufenster. Gehörst du zu uns oder bist du gegen uns, so
lautete die Frage verschiedener totalitärer Regime, in denen
Diskriminierung Andersdenkender der Nivellierung diente. Noch
sind wir nicht beim staatlichen Akt der erzwungenen Anpassung
und Kontrolle, um eine einheitliche Linie durchzusetzen. Doch
die Gefahr einer willkürlichen Ausweitung des Boykotts scheint
wahrscheinlicher denn je. Denn der Übergang vom Maßstab aus
Neutralität und Gesetz zur Gewichtung nach subjektiver
moralischer Befindlichkeit kann fließend sein. Die
Fragmentierung in dogmatische Zonen, in denen beispielsweise
auch der Zugang zu Butter und Brot zum elementaren
Spießrutenlauf wird, von der "richtigen" Haltung
abhängt, bringt uns über den Rand der Selbstzensur hinaus, in
den Mechanismus der institutionalisierten Parallelstrukturen.