Oct 19
Wer in der publizistischen Arbeitsweise nach den passenden
Fachwörtern für perfide Kniffe und strukturierte Volksverdummung
sucht, wird meist auf das Englischsprachige zurückgeworfen.
"Framing" als eine Form der Rahmensetzung, die Inhalte
aus dem ursprünglichen Zusammenhang reißt, um sie im Lichte
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Wer in der publizistischen Arbeitsweise nach den passenden
Fachwörtern für perfide Kniffe und strukturierte Volksverdummung
sucht, wird meist auf das Englischsprachige zurückgeworfen.
"Framing" als eine Form der Rahmensetzung, die Inhalte
aus dem ursprünglichen Zusammenhang reißt, um sie im Lichte
eines neuen Hintergrundes plötzlich ganz anders aussehen zu
lassen. "Spin-Doctoring" als gezielte politische
Schönrednerei, um die Botschaft völlig im Geiste eines
Auftraggebers an die breite Allgemeinheit zu bringen, welche
glaubt, was ein Mogul hören will. Oder "Greenwashing"
als das Bemühen, gewissen Sachverhalten das gewünschte Etikett
anzuhängen, eine Richtung vorzugeben, ihre Entwicklung zu
lenken, um der Gefahr entgegenzuwirken, sie nähere sich der
Realität. Konfliktsensitivität als Beruhigungspille um kurz nach
acht. Was wir als Sprachkosmetik, Weichzeichnung oder
Dysphemismus kennen, gehört im Handwerkskasten vom Lerchenberg
bis zur Rothenbaumchaussee, von ARD bis ZDF, aber auch
etablierter Presseerzeugnisse, zu den alltäglichen Instrumenten,
mit denen Informationen ausgelassen, relativiert oder umgekehrt
werden. Die bewusste Vermeidung von harten Bandagen, um den
Zuschauer nicht zu verschrecken, ihm die größten Skandale und
spektakulärsten Affären mundgerecht zu reichen, kein Risiko
einzugehen, dass er aus dem Dornröschenschlaf erwacht.
Kontextualisierung könnte Gift sein für die ruhende Seele,
welche noch vor dem Wetterbericht der "Tagesschau"
eingenickt ist. Der treue Konsument braucht das Sofakissen, um
Friedrich Merz' Krokodilstränen zu trocknen, der
öffentlich-rechtliche Dauerläufer reicht Bärbel Bas im passenden
Moment ein Taschentuch. Die sogenannte
Appeasement-Berichterstattung, welche Gefahren oder Missstände
systematisch beschwichtigt und herunterspielt, also
faktenbasierte Meldungen ins Reich der Regionalität verschiebt,
den Bildschirm freiräumt für Naturspektakel und Nächstenliebe,
langgediente Wochenendexperten manch einen betörenden Duft
verströmen lässt, während auf den Straßen der Mob tobt, die
europäische Willkommenskultur Kirchen und Rathäuser dem Feuer
preisgibt, aktuell Frankreich von seinem
Laissez-Faire-Maghrebismus eingeholt wird, dient nicht nur der
Sedierung des Publikums, wie es bereits mein Kollege
@FrankSteppat so treffend kommentierte. Sondern auch der
"narkotisierenden Dysfunktion", wie es die
Mediensoziologie beschreibt, sobald der Betrachter mit einem
Übermaß an zweit- und drittrangigen Belanglosigkeiten geflutet
und in eine passive Apathie geführt wird. Einen solchen Zustand
kann sich das deckelnde Berlin nur erhoffen. Denn das alleinige
Wissen um ein existenzielles Problem entlässt plötzlich aus der
prinzipiellen Bürgerpflicht zum tatsächlichen Handeln. Durch
lange Beobachtung der Gebührenzahler weiß der Redakteur
irgendwann sehr genau, wie er affektiv regulieren kann. Das
Stimmungsmanagement hilft dabei, mit rhetorischen Stilmitteln
von Kontrastierung und Abwertung, Abschwächung und Litotes,
Umschreibung und Periphrase, Konjunktiv und Potenzialis eine
Erzählung zu starten, die für gewöhnlich dem
Unterhaltungssegment zuzuordnen wären, weil der
essayistisch-magische Anteil der Spätnachrichten mit Bildern von
marodierenden Banden, zündelnden Migranten und weggestoßenen
Passanten so gar nicht in Einklang zu bringen ist. Einzel- und
Vorfälle, kein Anhalt dafür, dass die Revolte über die Grenze
schwappen könnte. "Unruhen in den Vorstädten",
"friedliche Proteste", "Zusammenstöße mit der
Polizei": Wer kollektiv irreführen will, muss an der
Schraube der Verfügbarkeitsheuristik drehen. Denn Menschen
schätzen die Wahrscheinlichkeit oder Häufigkeit eines
Ereignisses danach ein, wie leicht ihnen konkrete Beispiele in
den Sinn kommen. Wo intensiv und wiederholt der Finger in die
Wunde gelegt, man über die hohe Frequenz von Verbrechen und
Gewalt unterrichtet wird, da nähert sich die Abstraktion der
Wirklichkeit an. Wer bewusst ablenken möchte, der muss einen
Bestätigungsfehler begehen, also Narrative in der stets gleichen
Hyperbel an Mann oder Frau bringen, denn so lassen sich
gegenteilige Beweise routinemäßig als "Fake News"
abtun. Pluralistische Ignoranz, soziale Bewährtheit und labiler
Konformitätsdruck sind das neue "Opium für das Volk".
Weitere Informationen zum Thema finden sich unter
#SteppatRiehle.