Oct 25
"Endlich weg der braune Fleck", so kommentierten
Nutzer in den sozialen Medien die lodernden Flammen am
Kehlsteinhaus bei Berchtesgaden in der Nacht vom 23. auf den 24.
Oktober 2026. Der "Adlerhorst" ist nicht mehr, über
200 Einsatzkräfte konnten kaum etwas tun, weil Teile des Daches
einstürzten, di...Read more
"Endlich weg der braune Fleck", so kommentierten
Nutzer in den sozialen Medien die lodernden Flammen am
Kehlsteinhaus bei Berchtesgaden in der Nacht vom 23. auf den 24.
Oktober 2026. Der "Adlerhorst" ist nicht mehr, über
200 Einsatzkräfte konnten kaum etwas tun, weil Teile des Daches
einstürzten, die Brandbekämpfung wegen Kälte, Schnee und Wind
äußerst schwierig war. Nach bisherigen Erkenntnissen hat ein
33-Jähriger mit Bezügen zur Region das Feuer gelegt. Er kam der
Polizei auf einem Motorrad ohne Kennzeichen entgegen, roch nach
Rauch. Wegen des Verdachts auf eine psychische Erkrankung soll
er nach der Vorführung beim Haftrichter in eine forensische
Anstalt eingewiesen werden. Die mögliche und fast schon
routiniert unterstellte Schuldunfähigkeit sagt allerdings mehr
über unsere gehorsame Justiz, weniger über tatsächliche Motive
aus. Ideologische Beweggründe sind eher wahrscheinlich denn
ausgeschlossen, obwohl Hitler den Repräsentationsbau im
abgeschirmten "Führersperrgebiet" nur selten wegen der
aufwändigen Anfahrt und seiner Höhenangst nutzte. Dass gerade
von Seiten des sogenannten "Antifaschismus" gejubelt
wird, sich Aktivisten gegen rechts kaum noch einkriegen vor
Begeisterung, offenbart tatsächlich eine gewisse Schizophrenie.
Da werden ausgerechnet jene Mahnmale an die Geschichte in Schutt
und Asche gelegt, die das Grauen von damals eigentlich in
Erinnerung halten sollten. Sind sie erst einmal weg, verfällt
die Gegenwartsbewegung zur Entneonazifierung in pure Ekstase.
Wenn Engstirnigkeit in Dogmatismus übergeht, wird die
Widersprüchlichkeit zum Paradoxon par excellence. Purer
Verwüstungswahn trifft vor allem lokale Stiftungen, nicht die
Folterknechte von früher. Wie sollen wir das Glorifizieren
dieser Geschichtsauslöschung richtig deuten? Braucht es wiederum
einen Verweis auf Heinrich Heine, den man frei im Sinne seines
Zitats von 1821 mit "Dort, wo man Häuser verbrennt,
verbrennt man auch am Ende Menschen" zitieren kann? Wo
wichtige Entscheidungen zu Verfolgung, Krieg und Völkermord
getroffen wurden, klafft nach einem qualmenden Scherbenhaufen
zunächst gähnende Leere. Zwar hat Bayerns Innenminister Joachim
Herrmann umgehend angekündigt, man strebe eine Wiedererrichtung
unter Einbeziehung des Fachwissens von Historikern an. Doch eine
Kopie kann nie dasselbe sein wie ein Original. Wo ein
Landschaftsidyll zum Ausgangspunkt der Planung größtmöglicher
Zivilisationsverbrechen wurde, das nunmehr der Zynismus einholt,
entfällt vorerst auch ein wichtiger Gegenstand zur kritischen
Aufklärung. Wer Gewalt als Mittel der Vergangenheitsbewältigung
akzeptiert, hat nicht nur die Kontrolle über seine geistige
Leistungsfähigkeit verloren, sondern entreißt ein Symbol für
Grauen und Tod jenem Kontext, in das der Obersalzberg nicht
zuletzt durch ein Dokumentationszentrum gestellt wurde. Bildung
über die Vergangenheit und Anerkennung der Opfer von damals
müssen Authentizität entbehren, werden Denkmäler ausradiert, die
eine echte moralische Auseinandersetzung mit dem NS-Erbe
überhaupt erst möglich machen. Zahlreiche Bauten, die mit der
Diktatur in Verbindung gebracht werden können, riss man nach
1945 voreilig und kurzsichtig ab, sprengte sie verlegen oder
übereifrig in die Luft. Mag die Scham über totalitäre Tendenzen,
diesmal in den Reihen des Linksextremismus, zumindest
unterbewusst manch einen Tor übermannen? Wo dem Ikonoklasmus
gefrönt wird, also der politisch bedingten Beseitigung von
Sinnbildern für Regime oder Herrschaften, statt Wunden einer
Gesellschaft der Sichtbarmachung von Unrecht und Tyrannei zu
überlassen, nimmt man auch die Mythologisierung als fragwürdige
Pilgerstätte in Kauf. Romantischer Verklärung begegnen ehrliche
Propheten mit Information, nicht durch Pyromanie.
"Eagle's Nest" war im Hier und Jetzt kein
unkommentierter Schrein, sondern zeigte die Verbindungen zu
Auschwitz, Treblinka oder Hartheim nonfiktional auf. Ob für
Schulklassen oder Reisegruppen, Wissenschaftler oder Medien, an
immer mehr Stellen schwinden Bezug und Anknüpfung für das
kollektive Gedächtnis. Wer hier applaudiert, der zensiert. Wohl
dem, der sich Bruno Latour als Warnung bewusst macht: "Man
kann die Götzen nicht zerstören, ohne neue Götzen zu
schaffen"!