Oct 22
"Der Zeitgeist ist wie ein Ostwind, dem sich alles beugt,
weil man gegen ihn nicht anreden kann: er dringt durch alle
Ritzen", so formulierte es Arthur Schopenhauer. Doch man
sollte kritisch nachhaken: Wirklich durch alle Ritzen? Nach der
Ankündigung des Aus von EMMA ist der Moment gekommen, nicht
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"Der Zeitgeist ist wie ein Ostwind, dem sich alles beugt,
weil man gegen ihn nicht anreden kann: er dringt durch alle
Ritzen", so formulierte es Arthur Schopenhauer. Doch man
sollte kritisch nachhaken: Wirklich durch alle Ritzen? Nach der
Ankündigung des Aus von EMMA ist der Moment gekommen, nicht nur
das Lebenswerk von Alice Schwarzer zu würdigen, sondern auch die
Standhaftigkeit der gesamten Redaktion. Nach 398 Ausgaben und
36.584 Seiten sei man "ermattet", heißt es in einer
Pressemitteilung. Und tatsächlich soll "sie"
bekanntlich gehen, wenn es am schönsten ist. Trotz
anderslautender Behauptungen hat sich die Stellung der Frau
nicht zuletzt auch wegen dieses Magazins verbessert. Dem
Engagement aller Beteiligten sei Dank. Angeschrieben gegen
jeglichen Versuch, die Emanzipationsbewegung zu kapern. Gegen
das billige Bemühen, biologisch definierte Grenzen neu zu
regeln. Gegen das Gefühl von manch einem natürlichen Mann, ihm
schieße plötzlich die Muttermilch in die Brust. Gegen den
Ausverkauf schöpferisch garantierter Weiblichkeit für ein klar
umrissenes Geschlecht. Haltung gezeigt, Moden widerstanden,
Konfrontation gesucht. Da wurde der aufgekommene Trend, sich
transidentisch zu empfinden, von dem äußerst seltenen und
wissenschaftlich erklärbaren Phänomen der tatsächlich
objektivierbaren Transsexualität entkoppelt, um ethische wie
moralische Ordnung herzustellen. Frau zu sein, das galt wieder
als wesentliches Alleinstellungsmerkmal von zwei X-Chromosomen.
Hierzulande war es das Credo, sich Effemination zu widersetzen,
also dem künstlichen Annehmen weiblicher Eigenschaften,
Verhaltensweisen, Sensibilität oder Merkmale bei einer
männlichen Person. Außenpolitisch haben die Macher seit der
iranischen Revolution 1979 auf die Gefahren des politischen
Islams hingewiesen. Der Finger in der Wunde, als offenes Haar
zum Ausdruck der Sünde deklariert wurde. Entsprechend heroisch
feierte die heute 83-jährige Initiatorin all jene auf den
Straßen von Teheran, die es wagten, ihr Kopftuch abzunehmen. Ein
Schutzschild aus Wuppertal, das auch über die nationalen Grenzen
hinaus wirkte. Denn es war nicht immer gänzlich risikolos, den
heuchlerischen Kulturrelativismus abzulehnen, radikale Religion
zu bekämpfen. Die Würde der "besseren Hälfte" zum
Zwecke der "Glaubensfreiheit" über den Ladentisch von
Mohammed und Allah zu verscherbeln, weil es angeblich heilige
Schriften gebieten, das kam nicht in den Sinn. Genauso wenig,
wie die Idiotie des Selbstbestimmungsgesetzes anzuerkennen. Wer
eine evolutionäre Kategorie aus einer vorläufigen Façon für
jedermann preisgibt, Rollenverständnisse weder zufällig noch
versehentlich aus dem Weg räumt, in Kauf nimmt, dass Mädchen
durch Hormone und Operationen um die Pubertät gebracht werden,
der handelt egoistisch, opportunistisch, schwarwenzlerisch.
Prostitution nicht als eigenverantwortliche Sexarbeit zu
beschönigen, sondern sie als Kommerzialisierung von Integrität
zu brandmarken, auch das gehörte dazu. Bis heute fechtet
Schwarzer ihren Standpunkt zum Krieg in der Ukraine aus. Im
gemeinsamen Manifest mit Sahra Wagenknecht positionierte sie
sich 2023 für Verhandlungen statt Eskalation, warnte vor einem
fließenden Übergang in einen großen Konflikt. Auch dies geschah
im Antlitz des Humanismus, nicht aus Anbiederung gegenüber
Russland. Und so steht eine Biografie unter dem Eindruck des
Bekenntnisses zu einer eigenen Meinung, auch wenn der Sturm der
Entrüstung noch so stark weht. Dieses Rückgrat, welches die
Journalistin über Jahrzehnte dem Chauvinismus genauso
entgegenstreckte wie dem Queerismus, muss Frau erst einmal
aufbringen. Ob man immer mit ihr konformging, spielt keine
Rolle. Allein ihr Durchhaltevermögen beeindruckt.